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ÜBER WISSENSCHAFT UND SCHAMANISMUS

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Voraussetzungen:

Die Autorin arbeitet seit 28 Jahren als Heilpraktikerin in Hamburg, Deutschland. Einer empirischen Naturwissenschaft gegenüber aufgeschlossen, verweigert sie sich jeder Form von Fundamentalismus, auch in einer alternativen“ Variante.

Irritiert von einer „multikulti“ Methodenvielfalt ohne Konzeption in der heutigen Naturheilkunde, wandte sie sich vor 15 Jahren einer Auseinandersetzung mit schamanischen Modellen von Heilkunde zu. Inzwischen hat sie eine Reihe von aktiven, traditionellen Schamaninnen und Schamanen in ihrer ursprünglichen Umgebung erlebt und von ihnen gelernt. Seit Jahren gilt ihr Bemühen einer Übersetzung traditioneller, schamanischer  Heilmethoden in unseren Kulturraum heute hinein.
Ihre Kenntnisse wendet sie tagtäglich in der Praxis an, ohne das Etikett „ schamanisch“ als exotistisches Lable zu verwenden. Belebung der eigenen, europäischen Wurzeln, das ist ihr Anliegen.

Grundfragen:

Jeder akademischen Erörterung zum Trotz, entzieht sich dieser schillernde Begriff leicht einer
aussagekräftigen, treffenden Definition um sich im eher Nebulösen zu verlieren. Gemeinhin wird der Begriff  „Schamanismus“ als aus sich selbst verständliches Schlagwort verwendet.

Bereits der Begriff selbst ist für dieses Sujet ein Kunstprodukt aus der frühen, europäischen Volkskunde.
Umfangreiche Debatten über die Herkunft des Begriffs „Schamane“ ergeben nur eine einzige, eindeutige Übereinstimmung. Es handelt sich vermutlich ursprünglich um ein tungusisches Wort das in die heutige russische Sprache Eingang gefunden hat. Es bedeutet etwa „ außer sich sein“ oder auch „verzückt sein“. Aber auch diese Deutung wird gelegentlich hinterfragt.
Dieser Begriff hat sich jedoch als Bezeichnung für ein universelles Phänomen in der westlichen, wissenschaftlichen Welt durchgesetzt.

Wie eurozentriert diese wissenschaftliche Sprache ist, zeigt sich daran, dass sogenannte „Schamanen“ in fast allen Kulturen andere Eigenbezeichnungen in ihrer eigenen Sprache haben und erstaunt darüber sind, wenn sie „Schamane“ genannt werden. Als Beispiele seien hier die südafrikanischen „Songoma“ genannt, die bei den Navajo „Hataali“ genannt werden und bei den Sami „Noaide“ heissen. Jede Kultur hat „schamanische“ Eigenbezeichnungen.

Ein weißes, westliches Publikum ist auch mit dem Begriff des indianischen „Medizinmanns“ aus zahllosen Western Movies vertraut. So erklärt sich die verbreitete Ansicht, Schamanismus sein ein nordamerikanisch - indianisches Phänomen.  Amerikanische Ureinwohner haben diesen europäisierten Begriff zurückgewiesen, da es sich ohne weiteres auch um eine Frau handeln kann und die gesellschaftlich, spirituelle  Rolle dieser Menschen leicht auf ihre Aufgabe als Heiler reduziert wird. „ Heilung“ beinhaltet nach ihrer Sicht mehr als einen einzelnen Menschen frei von Symptomen zu machen. Es beinhaltet unter anderem auch, seelsorgerische Aufgaben in Verbindung mit Geistwesen, Wettervorhersage und Beeinflussung, Verbindungen zu den Ahnen und die Erhaltung der Stammesmythologie.
Der Begriff „Medizinmann“ setzt eine umfassende Auffassung des Begriffs „Medizin“ voraus, die der westlichen Welt fremd ist.

Begriffliche Klärung tut also sichtlich not.

Eine eindeutigere Fassung des Begriffs „Schamane“ ist auch erforderlich, bevor leichtfertig von „schamanischen Elementen“ gesprochen wird. Handelt es sich überhaupt um ein teilbares Konzept das aus „Elementen“ zusammengesetzt ist?

Differentialdiagnose eines Syndroms:

Um den rein akademischen Diskurs mit den Angelegenheiten des täglichen Lebens zu konfrontieren, seien hier verschiedene Schamanen, Noaiden, Curanderas und Hataalis  mit ihrer jeweiligen Auffassung über ihre Aufgaben zitiert.

„A shaman is an agent of the sacred“  Ailo Gaup,  Sami/Norwegen

“Ich bin ein Heiler der mit der spirituellen Tradition meiner Leute verbunden ist“
 Francis Mitchell, Hataali, Navajo

“Ich bin ein Mann mit dem die Bäume sprechen!“ Don Pedro, Palero,Amazonas

„Ich beherrsche die Kunst des Rituals“  Nadja Stepanova, Schamanka, Buriatien

„Ich ehre die Geister mit Ritualen und sie helfen mir und anderen“ Valentin, Schamane, Buriatien

„Schamanen sind Werkzeuge des Göttlichen“ Soledad Ruiz, Curandera, Mexiko

Diese Aussagen wurden der Autorin von den jeweiligen Schamanen persönlich mitgeteilt.

Bereits jetzt zeigt sich, wie unzulässig verallgemeinernd, viele wissenschaftliche Definitionen dieses Phänomens sind. Auch wenn diese kleine Auswahl von Kommentaren  keine weltweit, repräsentative Bedeutung hat, zeigt sie doch, dass es notwendig ist, sich mit den Lebenstatsachen auseinander zu setzten, anstatt sich hauptsächlich dem Studium der Fachliteratur zu widmen.

Häufig wird  in der ethnologischen Literatur als Kardinalszeichen des Schamanischen, der 
„Geisterflug der Seele“ genannt. Damit ist die schamanische Reise in andere Realitätsebenen gemeint. Zweifellos ist das eine unter Schamanen verbreitete Praktik.

Allerdings ist diese Art der Reise Schamanen aus Buriatien genauso wenig geläufig, wie ihren Navajo Kollegen.

Schamanen beider Kulturen verfügen über vertraute Beziehungen zu den traditionellen Überlieferungen und ihren Geistern, aber sie machen selbst  keine klassichen Bewusstseinsreisen.

In Buriatien werden Trommeln benutzt, aber eher symbolisch, nicht extatisch. Bei den Navajos werden komplexe Texte gesungen. Auch dies kann eine Art von Trance induzieren.

Diese Art von verändertem Bewusstseinszustand ist offenbar völlig ausreichend für alle Anliegen. Es handelt sich allerdings nicht um einen klassischen Seelenflug.
Wie immer dies in vergangenen Zeiten ausgesehen haben mag, heute ist die Technik des Seelenfluges in drei Ebenen, offensichtlich nicht mehr grundsätzlich notwendig um eine innere Gewissheit über Nachrichten aus einer anderen Realitätsebene zu erhalten.

Für Ailo Gaup ( Sami), Soledad Ruiz ( Mexiko ) und Don Pedro ( Peru)  gelten andere Voraussetzungen dafür. Sie kennen zwar den klassischen Seelenflug, jedoch mit unterschiedlichen Induktoren.

Soledad Ruiz richtet lediglich ihr Bewusstsein aus, was ihr als sogenannter, eingeweihter „Blumenkriegerin“ für den Seelenflug genügt.

Don Pedro benutzt das traditionelle Halluzinogen Ayuahasca, um seinen Seelenflug zu induzieren.

Ailo Gaup reist mit Hilfe von Konzentration auf Geräuschen und Töne in andere Ebenen der Realität. Er kennt drei Ebenen von Realitäten.

In Nepal oder auch Indonesien werden notwendige Informationen von Schamanen ebenfalls keineswegs durch einen Seelenflug gewonnen sondern es ist üblich, dass Schamanen von von Geistern besetzt werden die durch sie agieren.

Hier zeigt sich, dass es nicht der klassische Seelenflug ist, der das Basiskennzeichen einer schamanischen Arbeit ist, sondern die Kunst, das Bewusstsein bewusst und absichtlich zu verändern und diesen Zustand für eine Anliegen zu nutzen.

Dies trifft bei den genannten Beispielen auf alle Schamanen zu, der klassische Seelenflug jedoch nicht.
Insofern trifft Eliades Wort von den „Meistern der Extase“ zu, wenn auch Extatisches meist dramatischer imaginiert wird.

Wozu das mehr oder weniger verändertes Bewusstsein im einzelnen genutzt wird und welchen Techniken dazu benutzt werden, sind kulturell bedingt unterschiedlich.
Bereits das  Wort „Trance“ wird von Schamanen sehr unterschiedlich übersetzt. Während Soledad Ruiz dieses Wort gar nicht benutzt um nicht Assotiationen an „wilde Tänze mit Schaum vor dem Mund“ zu wecken, würde Don Pedro dieses Wort nur für eine Ayahasca Sitzung mit allen heftigen, vegetativen Begleiterscheinungen gelten lassen. In Buriatien ist Trance etwas, was zumindest schamanisch Geübte dadurch herstellen, dass sie Geister anrufen und sich dann versenken.

Das Alltagsbewusstsein ist allerdings bei den meisten als ein Art Parallelbewusstsein zwar in den Hintergrund gedrängt, jedoch erhalten.

Muß Trance sehr dramatisch induziert werden? Ist das für das Arbeitsergebnis heute notwendig?

Ist also jemand, der auf irgendeine Art sein Bewusstsein kontrolliert verändern kann bereits ein Schamane?

In diesem Fall würden Geistheiler, Medien und Mystiker ebenfalls unter diese Begrifflichkeit zählen. Gibt es über diese grundlegende Übereinstimmung hinaus, signifikante Unterschiede zwischen Schamanen und dieser Gruppe, wenn ja worin bestehen sie?

Zu diesen Fragen liegen bislang keine aussagekräftigen, neueren Untersuchungen vor.

Kulturvergleichende Betrachtungen:

Schamanen, Geistheiler, Medien und Mystiker verfügen alle über eine gewisse Kontrolle über veränderte Bewusstseinszustände, wie auch immer sie induziert werden.

Um mögliche Unterschiede festzustellen, müssen weitere allgemeine Kennzeichen von Schamanen abgeprüft werden.

Immer wieder wird betont, dass ein Schamane nicht notwendigerweise ein Heiler sei. Dies könnte ein Unterschied zu einem Geistheiler sein. Allerdings liegt dieser Auffassung ein westliches Verständnis von „Heiler“ zugrunde. Dabei wird ein Individuum unter Anwendung gewisser Heilmethoden von Symptomen befreit. Ein Beispiel dafür wäre etwa ein Kräuterheiler.

Ein Schamane ist sicherlich mehr als ein Kräuterheiler, insofern stimmt die Relativierung mit der westlichen Prämisse. Ein Schamane steht jedoch immer im Dienst seiner Bezugsgruppe. Für diese ist er oder sie vermittelnd bemüht, die Alltagrealität in Übereinstimmung mit einer  geistigen Realität zu bringen. Dazu verwendet er oder sie, Rituale und Mythologien für die Gemeinschaft ebenso wie Krankenheilungen. Es handelt sich also um einen erweiterten Begriff von Heilung der auch soziale Prophylaxe und Fürsorge für das Wohl der Gemeinschaft mit einschließt. Dies ist der Fall, wenn Jagdglück oder Wetter beeinflusst werden müssen. Rituale und Mythologien geben jeder Gemeinschaft eine fundamentale Basis die geeignet ist, bekannten Stressfaktoren und ihren pathologischen Folgen in einer Zivilisationsgesellschaft vorzubeugen.

Dies ist weder bei Geistheilern, noch bei Medien gegeben. Diese verstehen ihre Tätigkeit sehr viel mehr am Individuum ausgerichtet. Eine Verantwortlichkeit für das spirituelle und materielle Wohl und Wehe einer ganzen Gemeinschaft besteht nicht zwingend bei Geistheilern oder Medien.

Was Unterschiede oder Gemeinsamkeiten von Schamanen mit Mystikern betrifft, so ist zwischen Naturmystik und religiöser Mystik zu unterscheiden.
Naturmystiker erfahren eine Verbindung ihres Individualbewusstseins mit allem Seienden in der Natur „Ich bin alles“. Religiöse Mystiker vereinigen sich mit einem persönlichen Gott „Ich bin Gott“ oder sie erfahren eine Art Entleibung und Verschmelzung in einer namenlosen Einheit „ Ich bin nichts“. Schamanen kennen naturmystische Erfahrungen. Aber auch Mystiker sind, wie Geistheiler und Medien, wenig an tätiger Fürsorge für eine  profane Gesellschaft interessiert.

Mystiker haben ehr das Problem, dass sich ihre Erfahrungen jeder sprachlichen Mitteilung entziehen und sie damit sozial isoliert sind. Dies ist für einen Schamanen unvorstellbar.

Insofern trifft das Wort der WHO über Schamanen zu, es seien traditionelle „Prieserärzte“, denn auch Priester sind mehr als Heiler, mit ihrer Gemeinde verbunden. Allerdings wird diese Aussage sofort wieder relativiert, wenn die WHO Schamanen dann mit modernen Psychotherapeuten auf eine Stufe stellt. Was anerkennend gemeint war, ist eine unzulässige Reduktion. Schamanen ist das europäisch isolierte Konzept der Psyche unbekannt. Sie sind für den ganzen  Menschen als Teil der Gemeinschaft zuständig, also auch für Knochenbrüche und Verletzungen.

Auch hier wurde das Phänomen „Schamanismus“ nur oberflächlich und nach westlichen Standards geprüft.

Zusammenfassung:

Schamanen kontrollieren ihre Bewusstseinsebenen. Sie bewegen sich in veränderten Bewusstseinsstufen um Kranke zu heilen, Wetter zu bessern, Jagdglück anzulocken.

Sie halten Rituale ab um Lebensübergänge zu gestalten, Tote zu erlösen. Sie versorgen ihre Gemeinschaft mit sinnstiftenden Mythen, indem sie den Kontakt zu Geistwesen ihrer Tradition nutzen.

Diese Aufgabenstellung trifft weder auf einen bäuerlichen Kräuterheiler, noch auf einen Geistheiler oder auf ein Medium zu. Auch Mystiker definieren sich anders.

Ein Schamane kennt mediale und mystische Erfahrungen. Er ist durchaus auch ein Geistheiler. Schamanismus erfordert mediale und mystische Elemente,  das Phänomen ist damit jedoch nicht schlüssig erklärt.

Der sogenannte „Schamanismus“ erfordert unbedingt zusätzlich zur kontrollierten  Bewusstseinsveränderung eine spirituelle Aufgabe für eine Gemeinschaft, erst dann kann, in welcher kulturellen Ausprägung auch immer, von Schamanismus gesprochen werden. Schamanische Elemente können nur Ansätze in dieser Richtung sein. Einzelne Teilstücke können für sich nicht die Bezeichnung „Schamanismus“ beanspruchen.

Schwierigkeiten einer gegenwärtigen, wissenschftlichen Diskussion:

Gelegentlich begegnet man einer gewissen wissenschaftlichen Überheblichkeit was populäre, romantisierende Darstellungen von Schamanismus betrifft.
Obwohl darin sicherlich eine berechtigte Kritik enthalten ist, täte die wissenschaftliche Gemeinde gut daran, in dieser Angelegenheit auch vor der eigenen Türe zu kehren.

Die wichtigsten Forscher der Ethnologie die sich mit diesem Phänomen beschäftigt haben, haben zu Beginn des letzten Jahrhunderts gearbeitet. Neuere empirische Untersuchungen sind rar. Es ist also völlig ungeklärt, welche Phänomene heute noch relevant sind. Schamanismus ist nicht museal über geschichtliche Abläufe erhoben , sondern Teil des wandelbaren Lebens.

Leider werden alte Thesen immer wieder heruntergebetet ohne zu prüfen ob sie noch stimmen. So wird beklagt, es gäbe nur noch „Reste“ schamanischer Kulturen ohne zu berücksichtigen, dass es sich um ein lebendiges Phänomen handelt, das sich immer mit den Lebensbedingungen verändert hat. Es gibt keine Untersuchungen, die neue Formen dieser
alten, gelebten Kultur sucht und begutachtet. Vieles deutet darauf hin, dass schamanische Praktiken bereits in prähistorischen Zeiten üblich waren. Höhlenzeichnungen lassen andere Deutungen kaum zu. Diese Tradition hat aber nur überlebt, weil sie wandlungsfähig war.

Viele Schamanen unserer Tage verzichten beispielsweise auf eine besondere „Berufskleidung“, die früher üblich war. Sie sind damit mehr normaler Teil ihrer Bezugsgruppe. Das ist eine notwendige Anpassungsleistung und kein „Rest“, wie das der Forscher sieht, der es gern so wie früher hätte.

Desweiteren müssten frühere Erkenntnisse dringend neu gesichtet werden, da eurozentristische Sichtweisen allenthalben zu finden sind. Darunter zählt auch der Mythos von der „Schamanenkrankheit“ der übermäßig pathologisierend und verallgemeinernd dargestellt wurde. Es geht bei manchen Schamanen um eine Art von Krise, die sehr dramatisch ausgelebt wird, dies ist aber keineswegs notwendig.

Es ist nicht nur der Begriff der Heilung, der westlich begrenzt missverstanden wird. Auch Begriffe wie die „Götter“ wurden falsch, weil polytheistisch interpretiert. Genauso berechtigt wäre es der katholischen Kirche Polytheismus zu unterstellen, da sie über einen ganzen Kanon an Heiligen verfügt.

Geschlechts und kulturspezifische Hemmnisse in der Kommunikation sind noch heute üblich. Ein deutlich westlich psychotherapeutisches Missverständnis ist zum Beispiel die Interpretation schamanischer Erfahrungen als „innere Bilder“. Dem würden Schamanen entschieden wiedersprechen. Sie haben einen gänzlich anderen Begriff von Realität. Dies wurde noch nicht zum Gegenstand kulturanthropologischer Forschungen gemacht. Ein schamanisches Verständnis von Realität würde eklatante Parallelen zu einem Realitätsverständnis aufweisen das in der Quantenphysik gang und gäbe ist. Auch dazu gibt es noch keinerlei vergleichende Forschung.

Kulturell bedingte Missverständnisse sind auch zu beobachten, wenn es um den Begriff „Magie“ im Zusammenhang mit Schamanismus geht. Manche Schamanen lehnen diese Bezeichnung für Ihre Arbeit ab und verweisen darauf, dass alles eben  ganz natürlich und keinesfalls übernatürlich sei. Was die Naturwissenschaften darüber denken, spielt für sie keine Rolle.

Ist Schamanismus eine archaische Religion oder nicht? Debatten um dieses Thema sind in der westlichen Ethnologie verbreitet. Dabei wird übersehen, dass dieser Terminus synonym mit Spiritualität verwendet wird. Von einer Religion im Sinne einer Buchreligion kann sicher nicht die Rede sein. Kein Schamane studiert heilige Bücher oder ordnet sich einer geistigen Autorität und ihren Dogmen unter. Allzu eilfertig wird deshalb jedoch aus einem absolut spirituellen Kosmos eine säkulare Methodik des Handhabbaren gemacht. Das eine ist so falsch wie das andere. Schamanismus ist weder eine  Buchreligion, noch eine „Methode“. Schamanismus ist eine sehr freigeistige, archaische Variante der Spiritualität.

Ein besonderes, westliches Missverständnis gibt es auch in Bezug auf die Halluzinogene die Schamanen vorgeblich häufig anwenden. Zum Teil beklagen westliche Wissenschaftler gar, europäischen Betäubungsmittelgesetze seien direkt gegen schamanisches Brauchtum gerichtet.
Damit wird ein Bild des Schamanismus befördert, das zusammen mit der Lektüre von Castagnedas Büchern einen konsumhaften Umgang  ahnungsloser Europäer mit Halluzinogenen, in einen spirituellen Kontext erhebt. Nichts ist weniger schamanisch als das.

Jede Kultur kennt halluzinogene Pflanzen. Am häufigsten sind diese ein Teil schamanischer Traditionen in Südamerika. Aber auch dort nimmt sie meist nur der Schamane selbst ein, nicht der Patient. Und auch dies nur nach intensivster Vorbereitung und nur zum Zweck der Behandlung. Dies hat sich erst mit einem europäischen „Drogentourismus“ geändert. Auch wenn z. B. bei den Navajo auf den Peyotekult verwiesen wird, hat sich anscheinend noch kein Wissenschaftler um empirische Details bemüht. Sonst wäre längst bekannt, dass dort niemals halluzinogene Dosierungen Anwendung finden. Die Anwendung von Peyote bei den Navajo ist lediglich rituell und das nicht etwa, weil sie nicht über genügend Substanz verfügen würden. Es sind wenige Kulturen, in denen Halluzinogene fest zum schamanischen Arbeitsalltag gehören. Heute noch weniger als in früheren Zeiten. Leidet die Kraft der schamanischen Arbeit heute darunter? Gibt es dazu aussagekräftige Untersuchungen? Leider nein!

Wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Schamanismus kranken häufig auch an der Neigung die Erfahrungen mit einem einzelnen Kulturraum zu verallgemeinern. Wer in Nepal geforscht hat schwadroniert fröhlich von der üblichen Kleidung der Schamanen und vergisst, dass dies nur für Nepal gilt. Nicht einmal die Trommel  ist, wie oft behauptet wird, ein universelles Werkzeug der Schamanen. Sie  spielt im Amazonasgebiet beispielsweise kaum eine nennenswerte Rolle. Kulturabhängige Variablen gibt es häufig, auch in Bezug auf Honorarregelungen für schamanische Dienste. Kulturvergleichende Studien täten not, um hier echte inhaltliche Aussagen statt unzulässiger Verallgemeinerungen, möglich zu machen.

Der gegenwärtige, wissenschaftliche Diskurs über Schamanismus offenbart eklatante Schwächen. Zeitgenössische, empirische Untersuchungen zu grundsätzlichen Sachvererhalten liegen kaum vor.  Ungeachtet dessen, werden historisierend Thesen von Veröffentlichung zu Veröffentlichung weitergetragen.
Damit zeigen sich gleichzeitig fasziniernde neue, offenen Arbeitsfelder für Ethnologie, Theologie, Kulturanthropolgie, Medizin, vergleichende Kulturwissenschaften und  Publizistik.

Obwohl in jüngerer Zeit große Bemühungen in der Ethnologie sichtbar werden, sich nicht "ethnozentristisch" zu verhalten, bleiben Fragen.

Schamanismus kann nicht von "außen" , also von unbeteiligten Wissenschaftlern erforscht werden. Solchen unbeteiligten Quasi "Journalisten" gibt kein Schamane Auskünfte.

Um Wissen zu erlangen muß es von inner heraus erfahren werden. Um sich durch westliche kulturelle Prägung hindurch dieses Wissen von innen heraus zu erarbeiten, ist ein "Studium"  ein echtes Einlassen, von vielen Jahren nötig. Selten wird das für eine Person bei mehr als einer Kultur möglich sein.

Die einzige Möglichkeit Schamanismus wissenschaftlich korrekt im Kulturvergeich zu erforschen, würde ein Gremium eben solcher Wissenschaftler voraussetzten, die zu selbst zu Schamanen geworden sind. So könnten verschiedene Kulturen repräsentiert werden.

Bis das jedoch im universitären Alltag stattfindet, wird noch etwas Wasser den Rhein hinunter fließen müssen.

Wir dürfen gespannt sein.

 
 
 

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